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Offener Brief an Kulturstaatssekretär Tim Renner

Offener Brief an Kulturstaatssekretär Tim Renner

Förderung der Konzertreihe "Unerhörte Musik"

 

 

 

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Renner,

 

 

Nachdem die schockbedingte Lähmung einem spekulativen Grübeln über die Gründe gewichen

ist, wie es zur Einstellung der Förderung der wöchentlichen Konzertreihe "Unerhörte

Musik" gekommen sein kann, wurde klar: Es soll Platz gemacht werden für etwas Neues.

Damit möchte ich Ihnen zu allererst grundsätzliches Wohlwollen unterstellen. Hoffentlich

sind Sie einverstanden.

 

Möglicherweise stimmen wir sogar in der Ablehnung des Arguments überein, das bloße Alter

einer bereits existierenden Institution könne ihr Fortbestehen legitimieren.

Als freiberuflich arbeitender Künstler mit progressivem Selbstverständnis ertappt man sich

hin und wieder bei dem Wunsch nach weniger Förderung etablierter Institutionen zugunsten

unabhängiger Projekte. In der speziellen Situation in Berlin ist dies vielleicht besonders verständlich.

 

Natürlich muss man beim Abwägen der Förderwürdigkeit aber mit äußerster Behutsamkeit

vorgehen und im Fall der "Unerhörten Musik" liegen Sie leider auf tragische Weise falsch. Sie

ist nicht nur die älteste wöchentliche Konzertreihe für Neue Musik in diesem Land, das ist

eben tatsächlich zunächst weniger wichtig. Aber: Sie ist die - bundesweit - EINZIGE!

 

Falls es Ihre Absicht war, Mittel für die Förderung der Berliner Szene für Neue Musik umzuverteilen

um sie weiterhin lebendig und überlebensfähig zu halten (andere Motive mag ich

mir nur ungern vorstellen) haben Sie sie leider verfehlt. Sie haben statt des Blinddarms das

Knochenmark entfernt.

 

Abgesehen davon, dass die "Unerhörte Musik" nicht nur für die Berliner Szene von Bedeutung

ist, sondern überregional, mittlerweile sogar international, einen ausserordentlichen Ruf geniesst,

handelt es sich bei dieser Reihe mit durchschnittlich etwa 50 Uraufführungen im Jahr

um einen tief in der kulturellen Infrastruktur verankerten Motor des Berliner Konzertlebens.

Hier wird nicht, wie andernorts, einmal im Jahr zum Festival geladen. Hier wird beständig

und nachhaltig, regelmäßig und ausdauernd, offen und mit Weitblick für die Neue Musik in

all ihren Facetten gearbeitet.

 

Es ist unwahrscheinlich, dass Sie die Entscheidung, sich und uns dieses Organs zu berauben,

tatsächlich in vollem Bewußtsein über seine Bedeutung gefällt haben, weshalb ich Sie hiermit

dringend bitte, noch einmal abzuwägen.

 

Andernfalls wird es hier in Berlin leider vor allem mehr UNGEHÖRTE Musik geben und das

kann nicht in Ihrem Interesse sein.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Maximilian Marcoll

Berlin, 8.6.2014

 

 

12.6.14 06:00
 
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