Startseite
    Musik Kultur
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Links
   ProKLassik website




  Letztes Feedback



http://myblog.de/proklassikblog

Gratis bloggen bei
myblog.de





Ralf Weigand: Hochkultur am Tiefpunkt? – Die Trivialisierung der Referenzsysteme von Entscheidungstr

Ralf Weigand:

 

Hochkultur am Tiefpunkt? – Die Trivialisierung der Referenzsysteme von Entscheidungsträgern in Kultur- und Medienpolitik

 

Zusammenlegung und damit Rationalisierung der renommierten SWR-Orchester, Abschiebung des Klassik-, Jazz- und Filmmusiksenders BR KLASSIK ins digitale Nirwana, negative Konzertsaalentscheidung in München: Präsidium und Vorstand des DKV kommen gar nicht mehr heraus aus der Endlosschleife von Protestschreiben, Petitionsorganisation, Demonstrationsteilnahme und ... am Ende der kopfschüttelnden Wahrnehmung und frustrierend ohnmächtigen Hinnahme der teilweise desaströsen finalen Entscheidungen aus Politik und Medien.

Große Sorge macht dabei vor allem, dass in zunehmendem Maß alle fast flehentlich vorgebrachten Aspekte und wohldurchdachten Argumente einer durchaus breiten Schicht von kulturell umfassend interessierten und gegenüber einer Vielzahl künstlerischer und kultureller Strömungen sich tolerant zeigenden Bürgern schlichtweg ignoriert oder zumindest nicht nennenswert berücksichtigt werden.

Zur Veranschaulichung lohnt es sich, sich einmal mit den sehr engagierten und teilweise äußerst emotionalen Beiträgen der immerhin mehr als 63.000 Unterzeichner der Petition "BR-KLASSIK muss bleiben" zu befassen.

 

https://www.openpetition.de/petition/online/br-klassik-muss-bleiben

 

Hier zeigt sich, dass sich diesem Anliegen nicht nur die Musik- und Kulturschaffenden selbst sowie die herkömmlich – und wohl in vielen Teilen bereits überkommen - als "Bildungsbürgertum" zu beschreibenden Gesellschaftsschichten angeschlossen haben. Nein, es ist durchaus Unverständnis und Empörung auch von Kulturbürgern zu vernehmen, die den beiden genannten Gruppen nicht zuzuordnen sind, darunter auch viele Jugendliche und sich z.B. auch zum Pop und der Subkultur bekennende Petenten. Sie alle betonen den Wert klassischer Musik – und bei BR-KLASSIK bedeutet dies dann trotz einer gewissen Vernachlässigung der zeitgenössischen Moderne immer noch ein beachtlich großes Spektrum von E-Musik jeder Couleur, Jazz, Crossover und Filmmusik – und möchten auf die Freiheit, jederzeit auf dieses Angebot uneingeschränkt zugreifen zu können, keinesfalls verzichten. Dass diese Freiheit durchaus als Teil der Lebensqualität im Sendegebiet angesehen wird, zeigt den beachtlichen Stellenwert von Musikgenuss und redaktionell aufbereitetem Kulturgut im individuellen Tagesablauf eindrucksvoll.

 

Ähnliches ist bei der Münchner Konzertsaaldebatte zu registrieren: Seit der Bekanntgabe der gemeinsamen Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer und des neu ins Amt gewählten Münchner Oberbürgermeisters Reiter, trotz der von praktisch allen mit dem Thema Befassten erkannten Notwendigkeit des Baus eines neuen Konzertsaales diesen Schritt NICHT in Angriff zu nehmen, sondern lediglich einen Umbau des bestehenden Kulturzentrums Gasteig vorzunehmen, tobt der Kulturkampf in Presse und Medien. Die dazugehörige Petition mit bei Drucklegung mehr als 26.000 Unterzeichnern finden Sie unter:

 

https://www.openpetition.de/petition/online/errichtung-eines-konzert-und-kulturzentrums-am-finanzgarten-muenchen

 

Auch hier gibt es eine breite Front von Befürwortern eines Neubaus und damit der Unterstützung einer vielfältigen und blühenden Orchester- und Konzertlandschaft in der traditionsbewussten Musikmetropole München. Das Fass des Erträglichen zum Überlaufen dürfte der folgende, an Ignoranz kaum zu überbietende gemäß SZ zitierte Kommentar der beiden Politiker gebracht haben: "Horst Seehofer und Dieter Reiter sind sich einig: München braucht keinen neuen Konzertsaal - weil das Klassikpublikum immer weniger wird und das Interesse an Konzerten nachlässt."

Und als weiteren Beleg für das Kulturverständnis der Politik kommentiert die FAZ im Feuilleton vom 09.02.2015: "Die Geigerin Anne Sophie Mutter hatte darauf aufmerksam gemacht, dass sowohl Seehofer wie auch Kunstminister Ludwig Spaenle „Wortbruch“ begangen hätten. In der Regierungserklärung habe doch gestanden: Ja, es werde ein neuer Konzertsaal für München gebaut. Jetzt ist nurmehr vom Umbau des alten die Rede. „Umbau ist kein Neubau“, sagt Mutter. Sie schäme sich, als Münchnerin, für München. Aus den Reihen der CSU schallt es bajuwarisch grob zurück: Frau Mutter habe wohl einen „Knall“ ..."

 

Die beschriebenen Vorgänge sind nur Symptome einer höchst bedauerlichen und beschämenden Entwicklung in unserem Land mit seiner unfassbar reichhaltigen und über viele Jahrhunderte blühenden Musiktradition. Um hier entgegenwirken zu können, bedarf es einer Analyse der Gründe, die an dieser Stelle nur kursorisch erfolgen kann und sich daher beschränkt auf die Medienlandschaft und das kulturpolitische Umfeld.

 

Medien

 

Das erste böse Erwachen für die ja traditionell durch den Kultur- und Bildungsauftrag gemäß § 11 des Rundfunkstaatsvertrags zu gewissen Minimalangeboten verpflichteten öffentlich-rechtlichen Sender dürfte Mitte der 80er Jahre durch die Einführung des privaten Rundfunks erfolgt sein: Recht abrupt endete damit die komfortable Situation, mehr oder weniger monopolistisch und konkurrenzlos Radio und Fernsehen anbieten zu können und sich einer gewissen Einschalthäufigkeit und damit medialen Aufmerksamkeit schon allein durch die Attraktivität des Mediums sicher sein zu können.

 

Nach der ersten Schockstarre begannen die öffentlich-rechtliche Sender bekanntlich reflexhaft, es den privaten Sendern in Bezug auf Qualität – und damit Trivialität – von Präsentation und Inhalt gleich zu tun und damit einer bis heute andauernden Abwärts-Spirale von gegenseitiger Unterbietung bzgl. Niveau und Massentauglichkeit zu folgen.

Dies ging – neben der zunehmenden Auflösung von Fachabteilungen z.B. im Bereich der Musik oder des Worts zugunsten von schlanken Wellenkonzepten mit weniger Sachkompetenz und journalistischer Expertise – sogar so weit, dass insbesondere im Bereich der Massenprogramme etliche auch leitende Mitarbeiter im Laufe der Jahre aus den Privatsendern übernommen und damit deren Stil und Verständnis von Radio und TV assimiliert wurde, mit bekanntem Ergebnis.

 

Damit hielt auch das Prinzip der Quoten-Diktatur Einzug ins öffentlich-rechtliche System und bestimmt bis heute redaktionelle und strategische Entscheidungen der Sender zumindest maßgeblich mit.

 

Leider hat diese Entwicklung eine fatale Auswirkung auf die kulturelle und politische Bildung der Bevölkerung: In alten Zeiten des non-dualen öffentlich-rechtlichen Systems wurde auch ein Politmagazin oder eine gehobene Kultursendung z.B. mit klassischer Musik von einem weitaus größeren Publikum aus vielen Schichten der Bevölkerung gesehen oder gehört, da es schlichtweg weniger Alternativen – "Fluchtwege" aus Sicht von Kulturpessimisten – an anderweitigem passivem Mediengenuss gab. Und bekanntlich wächst das Interesse und  vor allem auch die Differenzierungs- und Bewertungsfähigkeit des Menschen schon allein QUANTITATIV mit der rein zeitlichen Beschäftigung und damit als Folge in Teilen auch QUALITATIVEN Auseinandersetzung mit z.B. künstlerischen oder politisch / soziologischen Themen.

 

Trivial aber fundamental: Die Sinne werden bekanntlich geschärft durch ihre Anregung. Wer nur mp3-Dateien in schlechter Qualität hört, wird eine hochauflösende Spitzenaufnahme nicht mehr erkennen; wer ohne Ausnahme mit 120 bpm "four on the floor" mit einem Moll- und zwei Durakkorden vollgedröhnt wird, hat fast zwangsläufig wenig faire Chancen, die Vielschichtigkeit eines Strauss, Berg oder Widmann zu erfassen oder gar zu genießen.

 

Mit der Konkurrenz der Privaten sind dann also alle Schleusen offen, Ablenkung der primitivsten Art in alle medial erdenklichen Richtungen, von der Gerichtsshow über Casting-Demütigungen zum Schlamm-Fight, vom Dschungelcamp zur Kliniksoap, vom bunten VIP-Magazin zur noch bunteren News-"Show".

 

Und zuletzt nun noch die digitale Revolution als Schock für die ganze Gesellschaft und erst recht und erneut für die öffentlich-rechtlichen Sender: Daseinsberechtigung in Frage gestellt, Gebührendiskussion in extenso, YouTube als konkurrierendes weltumspannendes Horrorgeflecht, Jugend verloren.

Und leider auch hier als Reaktion in und nach der neuerlichen Schockstarre #2.0: multimedial, banal, trivial! Genau dies aber können andere besser.

 

Politik

 

Leider ist auch in der Politik das höchste Gut die Quote, und zwar in Form des persönlichen Wahlergebnisses jedes einzelnen Politikers. Daraus leitet sich die direkte Abhängigkeit von der Masse und deren – wenn auch oftmals nur vermeintlichen, da als kleinstem gemeinsamen Nenner sehr weit unten angesetzten – "Geschmack" ab. Unter den Aspekten einer oberflächlich immer präziseren Wahlforschung mit direktem Rückschluss auf die Chancen jedes einzelnen zu Wählenden in Bezug auf Sachthemen lohnen sich Populismus und Vereinfachung zusehends. Welche Rolle spielen dann noch einige Tausend Wähler, … denen Kultur am Herzen liegt, im Gegensatz zu Hunderttausenden, die von diffusen Sorgen oder Ängsten aufgrund populistisch aufgeheizter Reizthemen geplagt werden? Von daher ist es auch total schick, wenn ein Politiker in einer Rockband AC/DC-Covers spielt oder sich für Glasfaser-Internet für jedermann stark macht, während er mit einem Opernbesuch oder herausragender Fachkenntnis im Bereich der Neuen Musik kaum wird "punkten" können.

 

Müssen wir hier schon – trotz heftiger Ablehnung totalitärer Strukturen – womöglich neidvoll z.B. nach China blicken, wo musikalische Bildung als eines der höchsten Ziele angesehen und gepflegt wird, wo Konzertsäle  mit höchsten Investitionen aus dem Boden gestampft werden, wo kurioserweise – noch – der größte Respekt vor Europa als Wiege der klassischen Musik besteht und man unsere Komponisten und Orchester deswegen mehr verehrt und bewundert als im eigenen Land?

 

Handlungsfelder und Optionen

 

Was bleibt zu tun? Es gibt nur den Blick nach vorn, aus den Fehlern der Vergangenheit kann und muss gelernt werden. Wir sind in Technik und Wissenschaften nach wie vor eines der führenden, beispielhaften Länder weltweit und würden hier niemals leichtfertig auf diese mühsam erarbeiteten Fertigkeiten und Errungenschaften verzichten.

Im Kulturbereich finden sich in der Bundesrepublik immer noch mehr Spitzenorchester als in jedem anderen Land, jährlich über 7.000 Opernaufführungen entsprechen 30% aller weltweiten Darbietungen, die Anstrengungen der Orchester im Jugendbereich beginnen Früchte zu tragen, das Ausbildungsniveau an den Musikhochschulen steigt beständig ... auch im Bereich des Jazz und der Popularmusik-Studiengänge. Dieses unglaubliche kulturelle Potenzial und "Kapital" muss gepflegt, erweitert und entwickelt werden, das damit verbundene Kreativitätsreservoir wird in Zukunft global eine immer größere Rolle spielen und über die Zukunft der sozialen, politischen und ökonomischen Gefüge mitentscheiden.

 

Aussagen wie "weil das Klassikpublikum immer weniger wird und das Interesse an Konzerten nachlässt ..." dürfen nicht bestätigt, sondern müssen mittelfristig WIDERLEGT werden, und zwar durch große gemeinsame Anstrengungen im kulturellen Bereich.

So müssen beispielsweise die (nach neuesten Schätzungen sogar Mehr-)Einnahmen aus den Rundfunkbeiträgen nicht nur für massenwirksame Sportveranstaltungen, sondern verstärkt wieder für den Kulturbereich mit entsprechenden Eigenproduktionen eingesetzt werden. Die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender muss und kann nur in einer hochqualitativen Sendungsvielfalt bestehen, die sowohl inhaltlich als auch bzgl. Präsentationsweise an der Spitze der medialen Angebote zu stehen hat.

 

Leidenschaftlich kuratiertes Programm mit echten Glanzpunkten wie auch Nischenberichterstattung, Leuchtturmprojektierung ebenso wie Talent-Scouting, Hochkultur wie Subkultur, Klassik wie Avantgarde ... viele Menschen werden sich gerade im Zeitalter der digitalen Überforderung durch medialen Dauerbeschuss immer mehr sehnen nach Sortierung, Einordnung, Empfehlung und Anleitung. Dies sollte dann die Kernkompetenz des öffentlich-rechtlichen Systems sein, besser und differenzierter, klüger und souveräner als alle kommerziellen Konkurrenten.

Es ist weder entschieden noch gar bewiesen, ob es wirklich immer besser und erfolgreicher ist, die Qualitätslatte als Maßstab eher tief zu legen ... das Gegenteil erfordert wohl mehr Mut und Engagement, aber wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben.

 

 

 

 

 

 

 

 

14.5.15 12:36
 
Letzte Einträge: Offener Brief an Kulturstaatssekretär Tim Renner, Was wir verdienen Eine Studie des MIZ, Musikrat: Wowereit vergisst die Vielfalt der Kultur in Berlin, Offener Brief an den Intendanten des WDR, Tom Buhrow, Das Ende der Phantasie


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung